ZEIT-GEWINN (09.03.2010 – 17.04.2010)
- Eine Ausstellung über Zeit und Zeitlosigkeit
in den Werken von Anders Gjennestad (Malerei, Objekte) und Josef Fischnaller (Fotografie) -
So, wie die Gedanken manchmal Flügel haben, können sich auch Kunstwerke aus ihrem eigentlichen Kontext herüber in andere Sphären bewegen.
Diese Ausstellung beweist, dass auch sehr unterschiedliche Ansätze zur Kunst ein und derselben Idee dienen und gemeinsam „abheben“ können – und das sogar ohne, dass ihre Urheber das von Beginn an so wollten.
Da ist Anders Gjennestad, der junge Norweger, der neu ist in Berlin. Er und Josef Fischnaller, der brillante, avancierte Fotograf, in Wien ausgebildet und seit 2000 Wahlberliner, kennen sich zwar, haben aber ganz eigene Wege, ihre Impulse künstlerisch zu verwirklichen.
Und doch ist ihr Thema dasselbe: Zeit und Zeitlosigkeit, Gegenwart und Vergänglichkeit, Überfluss und Leere.
Josef Fischnaller vereint Vergangenheit und Gegenwart, indem er aus der Kunstgeschichte bekannte Persönlichkeiten wie Königin Luise, Kaiser Franz I., Jane Seymour und Isabella von Bourbon, aber auch den altrömischen Gott des Rausches, Bacchus, mit Freundinnen und Freunden neu – nämlich heutig – inszeniert.
Lustvoll wird dabei mit den Kostümen geraschelt, dazu summen im Hintergrund die Bienen auf der Blumenwiese vor der Stadt. Oder eine Majestät fläzt sich gemütlich auf dem Thron, trägt aber eine mächtige Krone aus Zuckerguss auf dem edlen Haupt. Und Mona Lisa trägt als „Dinah Alisa“ ein keckes Piercing zum bezauberndsten Lächeln des 21. Jahrhunderts – Humor ist, was den Blick hält und fesselt.
Optische Perfektion und inhaltliche Dramatik gehen bei diesen Fotografien Hand in Hand: Man kann von einer typischen Fischnaller-Grandezza sprechen!
Dagegen fertigt Anders Gjennestad aus eigenen Fotos Schablonen an – und bemalt und besprayt damit Plexiglas- und Metallscheiben.
Seine Motive: Die mit Pappe und Wellblech verbarrikadierten Fenster von leer stehenden Ladengeschäften. Der melancholische Thrill des Verlassenen, die Einsamkeit der Großstädte, aber auch die Hoffnung auf eine wieder belebende Zukunft, bilden hier ein Spannungsfeld, dem der Betrachter sich kaum zu entziehen vermag. Diese Bilder verfügen über eine geradezu geniale Suggestivkraft.
Zudem zeigt Gjennestad bildhafte Installationen (Objekte), die er aus Fundstücken herstellt. Eine rostige Verschalung ziert da Reste einer Benzin-Zapfsäule, was äußerst merkwürdig, aber auch ästhetisch anmutet. Die Arbeit heißt „Olive Oil“, und das ist ein ganz ernst gemeinter Witz!
Zusammen gesehen, ergeben all diese Kunstwerke von Gjennestad und Fischnaller einen poetisch sichtbar gewordenen Fluss der Zeit. Den zu genießen, bedeutet: Zeit durch Lebensqualität zu gewinnen.
Robert M. Kutschera |